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H wie Härte – Bodybuilding und die „Kultur der Analgetika“

In meiner letzten Kolumne habe ich mich dem Begriff „Gewicht“ gewidmet und das lustvolle Leiden der Bodybuilder an der „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ (Milan Kundera) beschrieben. Mit gleichem Recht hätte ich mich dem Begriff „Härte“ widmen können, sind Bodybuilder doch ausgesprochene Liebhaber derselben. So ist in der Bodybuilding-Rhetorik das Lob der Härte allgegenwärtig. In einer Ausgabe des Flex Magazins aus dem Jahr 2006 schwärmt ein Text von einem „sixpack – hart, wie aus Stein gemeißelt“. 2008 heißt in demselben Magazin, Bodybuilder müssten sich allzeit „fest und hart“ präsentieren. Und natürlich trainieren Bodybuilder „hard, REALLY hard“, wie der Bodybuilder Zach Even-Esh auf seiner Website konstatiert. In zahlreichen Blogs christlicher Bodybuilder wiederum gilt der Slogan: „Train hard – pray harder“.

Diese Liebe zur Härte – des Trainings, der Mentalität, der Muskulatur, des Stahls – muss in liberalen, friedliebenden Zeiten auf den ersten Blick als eine überaus unzeitgemäße Eigenschaft erschienen. Schließlich assoziiert man das Lob der Härte eher mit rückständigen, autoritären Regimen als mit fortschrittlichen, zivilisierten, egalitären Gesellschaften. Gender-Theorien wiederum setzen den Kult der Härte mit dem Kult des Phallus gleich. Im Folgenden möchte ich zeigen, dass Härte jedoch nicht gleich Härte ist und dass das Bodybuilding durchaus seine weicheren Seiten hat – nicht nur aufgrund der Tatsache, dass alleine schon der Konsum von Proteinpulver deutliche Parallelen zur Aufnahme von Babynahrung beinhaltet, und dass sogar der alte Haudegen Joe Weider Arnold Schwarzenegger in seiner Autobiographie (2006) mit einem Baby verglichen hat. Ein Baby ist sicherlich nicht das, was man den Inbegriff der Härte nennen würde.

Wollte man eine Symbolfigur für das Zusammenspiel von Härte und Weichheit im Bodybuilding benennen, so könnte man auf den Musiker, Autor und Aktivist Henry Rollins verweisen. Einerseits charakterisiert der überzeugte Verfechter von hartem Muskeltraining sich selbst als sensibel, verletzlich und emotional, andererseits gibt er sich kalt, unnahbar und rigoros, was insbesondere in seinem Manifest The Iron (1993) deutlich wird:

„The Iron never lies to you. You can walk outside and listen to all kinds of talk, get told that you’re a god or a total bastard. The Iron will always kick you the real deal. The Iron is the great reference point, the all-knowing perspective giver. Always there like a beacon in the pitch black. I have found the Iron to be my greatest friend. It never freaks out on me, never runs. Friends may come and go. But two hundred pounds is always two hundred pounds.“

Nimmt man größere Zusammenhänge in den Blick, so lässt sich in Analogie zur „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“, die Kundera dem Leben in den westlichen Konsumkulturen attestiert hat, von einer „unerträglichen Weichheit des Seins“ sprechen. Der Philosoph Leszek Kołakowski hat dafür in den 1970er Jahren den Begriff „Kultur der Analgetika“ (Schmerzmittel) geprägt. Er behauptete, unsere Kultur sei geprägt von einer „obsessiven Angst vor dem Leiden, vor dem Mißerfolg, vor der Verschlechterung der eigenen Lebensposition“ – was nicht zuletzt eine Abkehr vom christlichen Menschenbild bedeute, zeichne sich dieses doch durch den Glauben an den Wert des Leidens aus. Den alten Christen galt die Welt als Gefängnis, aus dem zu fliehen Schmerz und Mühsal kostete. Begnadigung gewährte erst der Tod. Für die komfortseligen Bewohner der gegenwärtigen Konsum- und Wohlstandsinseln hingegen hat sich dieses Gefängnis in etwas verwandelt, das die Indie-Band The Silver Jews treffend „Candy Jail“ nennt:

Living in a candy jail
With peppermint bars
Peanut brittle bunk beds
And marshmallow walls
Where the guards are gracious
And the grounds are grand
And the warden really listens
And he understands

Nun ist es sicherlich ein großes Glück unserer Zeit, dass uns die Härten nicht mehr primär von außen, von Gott und Natur, auferlegt werden, also durch herkömmlichen Mangel, Seuchen, Kriege, Lateinlehrer, etc. Nicht von ungefähr sind die „weichen Standortfaktoren“ derzeit auf bestem Wege, die „harten Standortfaktoren“ zu überflügeln, entwickelt sich „Wellness“ zum kollektiven Weichspüler-Programm. Doch ganz ohne Härte wird die Weichheit zur süßen Qual – eben zum „Candy Jail“, wo es nicht einmal möglich ist, sich bei einem Wutanfall die Fäuste an den „Marshmallow-Wänden“ blutig zu schlagen. Und wer versucht zu fliehen, der bleibt unter Garantie im nächsten Zuckerwattewald kleben.

Könnte dies nicht einer der Gründe dafür sein, dass Menschen wie Bodybuilder, zumindest in den wohlstandsverwöhnten Breitengraden, wieder ohne äußeren Zwang die pure Härte kultivieren? Dass sie sich freiwillig schinden wie Asketen in Klöstern? Dass sie erhabene Maschinen-Körper mit teflonartigen Hautoberflächen heranzüchten? Dass sie dem weichen, gleichsam willenlos wabbelnden Körperfett funktionale, harte Muskelmasse entgegensetzen? Bodybuilding könnte dahingehend als eine Möglichkeit interpretiert werden, sich temporär aus der „Kultur der Analgetika“ und dem „Candy Jail“ davonzustehlen, ohne gleich die ganze Gesellschaft wieder in ein „Iron Jail“ verwandeln zu müssen. Bodybuilding schafft harte Fakten am eigenen Leibe – was durch puderweiche Pulver-Nahrung und die Abkehr vom direkten Sportwettkampf zur Genüge ausgeglichen wird…

Autoreninformation:

Dr. Jörg Scheller lebt als Kunstwissenschaftler und Journalist in Bern (CH) und Stuttgart. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste und an der Universität Siegen. Zuletzt erschien von ihm:

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Jörg Scheller
 

Jörg Scheller lebt als Kunstwissenschaftler und Journalist in Zürich und Stuttgart. Er forscht am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft und lehrt an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Zuletzt erschien von ihm: No Sports! Zur Ästhetik des Bodybuildings, Stuttgart: Franz Steiner, 2010.

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