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G wie Gewicht – Bodybuilding oder die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Es gibt ein Album der Gruppe Nada Surf, dessen Titel mir seit Jahren nicht aus dem Kopf geht – ohne dass ich es jemals durchgehört hätte: The Weight is a Gift (2005). Sicherlich ist der Satz ganz anders gemeint, doch konnte ich schlicht nicht anders, als ihn intuitiv auf das Bodybuilding zu beziehen. Déformation professionnelle, gewissermaßen.

Was ist der Bodybuilder anderes als ein Mensch, der im Gewicht ein Geschenk erkennt, der Belastungen als Privileg empfindet, der sich freiwillig Hindernisse auferlegt? In diesem Zusammenhang sollte man sich vor Augen führen, dass Bodybuilding erst auf Grundlage der modernen Industriegesellschaften entstand, in denen die harte physische Arbeit an Bedeutung verloren hatte. Maschinen übernahmen jene Tätigkeiten, die einst der Körper bewältigen musste. Das bedeutete einerseits eine Befreiung, doch andererseits schien den Menschen nun etwas zu fehlen. Freiheit „von“, schön und gut. Doch Freiheit „wozu“?

Das Leben in den westlichen Überflussgesellschaften mit ihrer historisch einmaligen Liberalität erschien so Manchem ein wenig „zu leicht“ – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Theoretisch wäre es Vielen möglich gewesen, sich entspannt zurückzulehnen, ein paar Drinks zu bestellen und die Roboter die Arbeit erledigen zu lassen. Statt dessen begannen die Menschen, Marathon zu laufen, sich in Aerobic-Kursen zu schinden oder Karriereleitern zu erklimmen, als ginge es um die Erstbesteigung des Mount Everest. Einer dieser Menschen, vielleicht einer der radikalsten und sonderbarsten, ist der Bodybuilder.

Ich sehe im Bodybuilder einen Selbstverbesserer, der die „unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (Milan Kundera) in den freien Wohlstandsgesellschaften nicht akzeptieren kann, obwohl er selbst ein Teil von ihnen ist. Bodybuilder sind zwar Geschöpfe des Maschinenzeitalters und des Massenwohlstands, doch verlangen sie nicht nur nach Genuss und Komfort, sondern auch nach Drill, Schmerzen, Erschöpfung, Drama, Härte. Mit ihren extremen Körpern errichten sie Barrieren gegen die Süße des Konsums, bauen sie Barrikaden gegen die Versuchungen der totalen Entspannung, welche die Werbung verheißt. Getrieben vom Gefühl der eigenen Formlosigkeit, bringen sie sich selbst „in Form“.

Um noch einmal, pathetisch ausgedrückt, so etwas wie die „Schwere der Existenz“ zu verspüren, legen sie erst Gewichte auf und dann Gewicht zu. Die eigene, unablässig zu pflegende und zu konservierende Muskelmasse ist ein Antidot gegen die Illusion, es könne ein Leben in ewiger Leichtigkeit geben, wenn nur die körperliche Arbeit vermieden wird. Die Moderne hat mit Phänomenen wie Freizeitstress oder dem burn out syndrom gezeigt, dass genau dies nicht der Fall ist. In gewisser Hinsicht sind Bodybuilder also wie Mönche: Sie geißeln sich selbst, wohl wissend, dass es sonst jemand anderes tun würde. Sie erlegen sich Belastungen auf, die andere als „überflüssig“ oder „nutzlos“ abtun würden. Sie bejahen das Prinzip „The Weight is a Gift“ bei jedem Bicepscurl, bei jeder Kniebeuge.

Es gibt Menschen, die müssen in den Krieg ziehen, um existentielle Erfahrungen zu machen, um sich selbst und das volle Gewicht des Lebens zu spüren. So heißt es in Ernst JüngersIn Stahlgewittern (1920) über die jungen freiwilligen Soldaten im Ersten Weltkrieg: „Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen.

Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir hinausgezogen, in einer trunkenen Stimmung von Rosen und Blut. Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen“.

Die Fortschrittlichkeit des Bodybuildings hingegen besteht darin, dass Bodybuilder nurmehr sich selbst unmittelbare, zumal produktive Verletzungen zufügen – das Prinzip der Hypertrophie –, nicht jedoch ihren Mitmenschen. Sie sind Kämpfer gegen Spiegelbilder; prosaische Krieger, deren Schlachtfelder nicht blutbetaute Wiesen, sondern die eigenen Körper und die Bühnen beim Posedown sind. Die von Jünger beschworene „Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen“ und der Hang zum „Großen, Starken, Feierlichen“ ist auch den Bodybuildern nicht fremd.

Allein, die Sehnsucht nach einem Leben, das „Gewicht hat“, ist hier nicht länger auf epische Kreuzzüge angewiesen. Eine Multipresse, eine Seilzugstation und ein paar Freihanteln genügen völlig.

Autoreninformation:

Dr. Jörg Scheller lebt als Kunstwissenschaftler und Journalist in Bern (CH) und Stuttgart. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste und an der Universität Siegen. Zuletzt erschien von ihm:

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Jörg Scheller
 

Jörg Scheller lebt als Kunstwissenschaftler und Journalist in Zürich und Stuttgart. Er forscht am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft und lehrt an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Zuletzt erschien von ihm: No Sports! Zur Ästhetik des Bodybuildings, Stuttgart: Franz Steiner, 2010.

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H wie Härte – Bodybuilding und die „Kultur der Analgetika“ | Bodybuilding 2.0

[…] meiner letzten Kolumne habe ich mich dem Begriff „Gewicht“ gewidmet und das lustvolle Leiden der Bodybuilder an der „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ (Milan Kundera) beschrieben. Mit gleichem Recht hätte ich mich dem Begriff „Härte“ […]

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